Resektion der 1. Rippe

Prolog

Aus Überzeugung stelle ich hier die Vorgehensweise der genannten gefäßchirurgischen Zentren dar, da für diese Techniken die umfangreichste klinische Erfahrung und die beste verfügbare Evidenz bei der operativen Behandlung des thorakalen Outlet-Syndroms (TOS) vorliegen.

Eingriffe ohne ausreichende knöcherne Dekompression  zeigen in der Praxis häufig weniger konsistente Ergebnisse und sind mit einem höheren Risiko für persistierende Beschwerden oder Rezidive verbunden.

Der transaxilläre Zugang

Es hat sich gefäßchirugisch die vollständige Resektion der ersten Rippe (links oder rechts) über den transaxillären Zugang in der Achselhöhle als bewährte Methode etabliert.

1. Rippe
1. Rippe
Markierung
Markierung

Die Operation

Operation
Operation
Zugang_T
Zugang_T

Zum Schutz der Lunge erfolgt i.d.R. die Beatmung über einen Doppellumentubus, wodurch eine gezielte Ein-Lungen-Ventilation ermöglicht wird und das Operationsgebiet besser freigelegt werden kann.

Über einen Hautschnitt in der Achselhöhle wird die 1. Rippe dargestellt und reseziert, wodurch eine Entlastung der neurovaskulären Strukturen im Thoracic Outlet erreicht wird. Zuletzt werden alle relevanten Engstellen im Bereich der Skalenuslücke (m. scalenus anterior, m. scalenus medius und evtl. akzessorische Scaleni), des kostoklavikulären Raums (Rippe) sowie fibromuskuläre Bänder und Narbenstrukturen beseitigt.

Ergänzend erfolgt eine Neurolyse des Plexus brachialis (i.d.R. C8-Th1), bei der nervenumgebende Verwachsungen und komprimierende Gewebeanteile sorgfältig gelöst werden, um die Nervenmobilität wiederherzustellen und die Druckbelastung zu reduzieren. Der Musculus pectoralis minor bleibt dabei unberührt.
Ziel des Eingriffs ist die umfassende Dekompression der Nerven- und Gefäßstrukturen bei möglichst geringer Gewebetraumatisierung im Bereich des oberen Thorax.

Während der Operation achtet das OP-Team darauf, Zug auf die Nerven möglichst zu vermeiden und regelmäßige Pausen einzulegen, um die empfindlichen Strukturen zu entlasten. Zudem wird darauf geachtet, möglichst bluttrocken zu arbeiten, da Blutreste im Operationsgebiet die Bildung von Verklebungen und späteren Verwachsungen begünstigen können.

Zum Abschluss wird das Operationsgebiet gespült, um verbliebenes Blut zu entfernen. Dadurch wird die Entstehung von Verklebungen zusätzlich reduziert.

Nach der Rippenresektion

DerPorsche
DerPorsche

Bild: Einmal im Leben Porsche gefahren ;-) mit grosser Thoraxdrainage (links) unter der Haube und Schmerzpumpe (rechts) am Heckspoiler.

Nach dem grossen operativen Eingriffen zur Behandlung des thorakalen Outlet-Syndroms (TOS) kann zur Optimierung der postoperativen Schmerztherapie eine Schmerzpumpe (rechts) eingesetzt werden. Diese ermöglicht die kontinuierliche Verabreichung von Schmerzmedikamenten und trägt zu einer effektiven Schmerzkontrolle, einer verbesserten Mobilisation sowie einer erleichterten Atemfunktion in den ersten Tagen nach der Operation bei.

Eine grosse Thoraxdrainage (links) wird notwendig werden, wenn während des Eingriffs die Pleura eröffnet wird bzw. ein  Hämatothorax entsteht. Die Drainage dient der Ableitung von Flüssigkeit aus dem Brustkorb und unterstützt die vollständige Entfaltung der Lunge. Sie wird in der Regel nach radiologischer Kontrolle und nach Sicherstellung einer ungestörten Lungenfunktion wieder entfernt. Beide Maßnahmen tragen dazu bei, die postoperative Erholung sicher und komfortabel zu gestalten. Die spätere Entfernung ist tatsächlich nicht schmerzhaft!

Typische Komplikationen nach der Rippenresektion

Hämatothorax
Hämatothorax
Hämatothorax

Ein Hämatothorax kann bei der Entfernung der 1. Rippe im Rahmen einer TOS-OP durch Verletzung der Pleura und angrenzender Gefäße entstehen.
Dabei gelangt Blut in den Pleuraspalt und kann die Lunge komprimieren.
Die Therapie erfolgt meist durch Thoraxdrainage zur Entlastung.

Horner
Horner
Horner-Syndrom

Ein Horner-Syndrom nach TOS-Operation entsteht durch Reizung oder Irritation des sympathischen Grenzstrangs.
Typisch sind Miosis, Ptosis und verminderte Schweißsekretion (Anhidrose) auf der betroffenen Seite.
Die Symptome sind meist vorübergehend, können aber selten persistieren.

Hautnerv
Hautnerv
Läsion des N. intercostobrachialis (Hautnerv)

Häufig kann der oberflächlich verlaufende Hautnerv N. intercostobrachialis nur anfangs geschont werden. Durch die Läsion entstehen Sensibilitätsstörungen im Bereich der Axilla und der medialen Oberarmseite.

Bis 6 Wochen Post-OP

Die Nachbehandlung nach operativer Dekompression beim Thoracic‑Outlet‑Syndrom (TOS) mit Rippenresektion ist ein entscheidender Faktor für den Therapieerfolg, wird jedoch häufig unterschätzt.

In den ersten etwa sechs Wochen nach dem Eingriff sollte die operierte Region konsequent geschont werden. Der betroffene Arm darf in dieser Phase nicht belastet werden (auch nicht durch Hängetaschen, Rucksäcke, etc.)

Gleichzeitig sollte bereits in den ersten Tagen nach der Operation mit einer vorsichtigen, schmerzfreien Mobilisation begonnen werden. Diese frühe Aktivierung dient dazu, Verklebungen zu verhindern, den Narbenzug zu reduzieren und sekundären Bewegungseinschränkungen vorzubeugen. Eine zu lange vollständige Ruhigstellung kann dagegen den Heilungsverlauf negativ beeinflussen und die Wiederherstellung der Funktion verzögern. Es droht die Gefahr einer Frozen Shoulder (Schultersteife)!

Im Vordergrund steht dabei nicht die Belastung, sondern eine gezielte, kontrollierte Aktivierung im schmerzfreien Bewegungsbereich. Ergänzend werden häufig Atemübungen und leichte Bewegungsübungen eingesetzt, um die Durchblutung zu fördern und postoperative Komplikationen zu vermeiden.

Die Nachbehandlung sollte idealerweise unter Anleitung erfahrener Therapeutinnen und Therapeuten erfolgen, um die richtige Balance zwischen Schutz und Mobilisation sicherzustellen und den langfristigen Therapieerfolg zu unterstützen.


Ab 6 Wochen Post-OP bzw. Dauerhaft

Nach Ablauf der ersten sechs Wochen endet zwar die Phase der akuten Schonung – bestimmte Belastungen bleiben jedoch dauerhaft kontraindiziert.

Schweres Tragen, Krafttraining (Schulterbereich) sowie Schulterlasten bzw. das Tragen eines Rucksacks ohne ausreichende Hüftabtragung sind auch langfristig zu vermeiden.

Diese Formen der Belastung können erneut zu einer mechanischen Reizung im Thoracic Outlet führen und ein Wiederauftreten der Beschwerden begünstigen. Ziel ist daher ein Alltag und Training, das nervenschonend, symmetrisch und kontrolliert gestaltet ist, um die erreichte Dekompression langfristig zu sichern.

Insbesondere beim neurogenen Thoracic‑Outlet‑Syndrom (NTOS) besteht dabei die Gefahr eines unkontrollierbaren Schmerzrezidivs (Kapitel Rezidiv folgt...)

Regeneration der Nerven

Die Regeneration peripherer Nerven ist ein langsamer und langdauernder Prozess. Je nach Schwere der Schädigung kann die vollständige Erholung Monate bis mehrere Jahre – häufig bis zu etwa 2 Jahre oder länger – in Anspruch nehmen.

Grund dafür ist das langsame Nachwachsen der Nervenfasern mit etwa 1–3 mm pro Tag, wodurch längere Regenerationsstrecken entsprechend viel Zeit benötigen.

Insbesondere im Bereich des Plexus brachialis bedeutet dies, dass funktionelle Verbesserungen oft erst verzögert auftreten und sich schrittweise über einen langen Zeitraum entwickeln.

Bei bereits bestehenden, dauerhaften Nervenschäden kann die Operation die Symptome nicht vollständig rückgängig machen.

Postoperative muskuläre Dysbalance und Stellenwert der Physiotherapie

Nach der Resektion der 1. Rippe kommt es zwangsläufig zu einer tiefgreifenden Veränderung der biomechanischen Verhältnisse im Schulter‑Hals‑Bereich. Mit der operativen Dekompression werden nicht nur knöcherne Strukturen entfernt, sondern auch muskuläre und fasziale Anteile gelöst oder teilweise reseziert.

Insbesondere die Mm. scalenii sowie angrenzende stabilisierende Strukturen verlieren dabei ganz oder teilweise ihre ursprüngliche Funktion. Dadurch entsteht eine neue Ausgangssituation:
Ein Teil der natürlichen Führung und Stabilisierung im Thoracic Outlet fehlt.

Die Folge ist nahezu regelhaft eine postoperative muskuläre Dysbalance, gekennzeichnet durch:

  • Abschwächung und Funktionsverlust einzelner tiefen stabilisierenden Muskeln
  • kompensatorische Überlastung oberflächlicher Muskelgruppen (z. B. Trapezius, Levator scapulae)
  • veränderte Bewegungs- und Haltungsmuster im Schultergürtel

Eine muskuläre Dysbalance bedeutet dabei ein Ungleichgewicht zwischen Muskelgruppen, das nach der Operationen auftritt und Schmerzen sowie Bewegungseinschränkungen begünstigt.

Gerade beim TOS ist diese Problematik von besonderer Bedeutung, da das gesamte System aus Nerven, Gefäßen und Muskulatur funktionell eng gekoppelt ist. Eine unzureichende muskuläre Anpassung kann die Beschwerden trotz operativer Dekompression fortbestehen lassen oder erneut begünstigen.

Deshalb ist Physiotherapie kein „Add‑on“, sondern integraler Bestandteil der Therapie.
Ziel der physiotherapeutischen Nachbehandlung ist es,

  • die entstandene Dysbalance gezielt auszugleichen
  • neue stabile Bewegungsmuster zu etablieren
  • und die fehlende muskuläre Funktion bestmöglich zu kompensieren

Ohne diese gezielte Rehabilitation besteht die Gefahr, dass sich Fehlbelastungen, Rezidivbeschwerden und chronische Schmerzsyndrome entwickeln.

Kritisch zu sehen ist, dass diese Notwendigkeit bei der Versorgung häufig nicht ausreichend berücksichtigt wird – sowohl im Bereich der privaten Krankenversicherungen (PKV) als auch der gesetzlichen Krankenversicherung (KV), insbesondere bei der Diagnose G54.0 (Läsionen den Plexus brachialis).

Dabei steht außer Frage:
Ohne adäquate ggf. langfristige physiotherapeutische Begleitung kann die Operation ihr funktionelles Ziel nicht erreichen.

Fazit:

Die operative Dekompression beim Thoracic‑Outlet‑Syndrom ist ein komplexer Eingriff, der einen – besonders in den ersten Tagen – körperlich und mental an die eigenen Grenzen bringen kann.

Der postoperative Heilungsverlauf verläuft nicht immer geradlinig und hält häufig unerwartete Entwicklungen bereit.

Wie man langfristig mit den Veränderungen, Belastungsgrenzen und ggf. verbleibenden Beschwerden umgeht, bleibt eine sehr individuelle Entscheidung.

Mein dringlicher Rat ist jedoch:
Gebt den Nerven die notwendige Zeit zur Regeneration – und macht bewusst langsam.

Im Folgenden stelle ich Links zu Publikationen zur Verfügung, die sich mit der Rückkehr zum Sport nach TOS‑Operation beschäftigen [ Für Risiken und Nebenwirkungen aber bitte Euren den Arzt fragen ;-) ].

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